Königskinder

Drei Jahre sind vergangen, und doch scheint es manchmal, als hätte es diese drei Jahre nie gegeben. Zumindest  von außen betrachtet. Drei Jahre in Köln, und ich komme zurück und scheine mich nahtlos an das alte Leben nach dem Abitur anzufügen. Ich wohne wieder im gleichen Zimmer wie nach dem Abitur. Mit den gleichen Freunden besuche ich die gleichen Cafés. Zumindest mit einigen der alten Freunde, denn nicht alle sind geblieben. Aber dennoch: die gleichen Freunde, die gleichen Lokalitäten, die gleichen Rituale, das gleiche Open Airkino. Wie von Zauberhand steuern wir das Künstlercafé an, um dort wie früher so oft einen Cappuccino zu trinken. Erst als wir schon halb dort sind, fragen wir uns, wo wir eigentlich hingehen. So gut funktionieren sie noch, die alten Mechanismen.

Aber dann sind da diese subtilen Veränderungen, die alles doch ganz anders machen und mit einer Wehmut überziehen.

Wir sind nicht mehr die Königskinder, die wir nach dem Abitur auszogen sind um die Welt zu erobern. Wir sind ausgezogen und wieder heimgekehrt. Ernüchtert. Wir haben Enttäuschungen erlebt, genauso wie große Freuden. Wir wurden krank und wurden wieder gesund – auch wenn uns keine Mama versorgt hat, sondern wir uns selbst in die Apotheke schleppen mussten. Wir stellten fest, dass Geld nicht ewig reicht, wir mussten uns einschränken, Prioritäten setzten. Nun macht es schon was aus, wenn man sein Geld schnell verprasst. Nicht so wie früher, wo ich dann einfach mal aufs Weggehen verzichten musste. Heute ist das anders. Heute hat mein Handeln Konsequenzen.

Wir Freunde, die wir uns untereinander schon seit Ewigkeiten kennen, haben uns nun endlich gegenseitig unser wahres Ich gezeigt. Ein Ich, das wir manchmal nicht kannten und das uns erstaunte, verschreckte, und mit dem wir nicht mehr umzugehen wussten. Und das, obwohl man meinte sich zu kennen. Das Wissen, dass man jemanden auch nach zig Schullandheimaufenthalten und sternekuckend verbrachten Nächten auf Fußballplätzen immer noch nicht richtig kennt, dass diese ganze Magie der Jungend nichtig ist, lässt einen nachdenklich zurück.

Und doch, die Freunde, die geblieben sind, sie teilen immer noch die Magie mit uns. Sie sind es, die Welt so erscheinen lassen, als wäre man nie weg gewesen. Die einem das Gefühl geben, immer nach Hause zurückgehen zu können, und alles sei so wie früher. Auch wenn dieses Gefühl eine Illusion ist, so ist es doch ein beruhigendes Gefühl.

An anderen Dingen merkt man ebenfalls, wie die Zeit vergangen ist: die Gesprächsthemen haben sich gewandelt, plötzlich geht es um internationale Aufenthalte, um Menschen, die vielleicht nicht mehr eine flüchtige Bekanntschaft bleiben sollen. Plötzlich stört der langsame Service im Künstlercafé. Früher war es cool, lässig. Jetzt muss man sich erst mal wieder an die Langsamkeit gewöhnen, aber eigentlich möchte man das aber gar nicht mehr.

Und dann ist da das Heimweh nach der zweiten Heimat, das Heimweh nach Köln. Nicht zu wissen, wann ich das nächste Mal am Rhein sitzen werde, um an meinem Lieblingsplatz zu lesen, dass ich nicht mehr im Schatten des Domes zur Arbeit gehe, ja dass auch meine WG nicht mehr so existieren wird wie in den letzten Wochen, überzieht das neue alte Leben manchmal mit einem grauen Schleier. Ich ertappe mich, dass ich noch so von Köln erzähle, als würde ich wieder hin fahren. Als wäre ich bald wieder weg von daheim. Ich muss mich dazu aufrappeln, nicht mehr so von Köln zu erzählen. Es ist um, basta. Auch Köln wäre nicht so geblieben wie es war, viele Freunde sind schon während der letzten 3 Jahre wieder weggezogen, kaum hatte man sich kennengelernt und konnte die Beziehung eine Freundschaft nennen, war es schon wieder eine Fernfreundschaft, wenn auch eine funktionierende.

Aber so ist es nun mal, das Leben. Und wir Königskinder ziehen weiter und wurschteln uns so durch.

Immerhin kann ich jetzt wieder beruhigt sagen, „des passt scho“. Zumindest bis zum 2. September.