Wie aus dem Nichts.

…und dann ist sie plötzlich da, die Sehnsucht. Aus dem nichts kommt sie aus ihren dunklen Ecken gekrochen, überfällt mich. Ausgelöst von Musik, mal wieder. Felix Meyer (ein Straßenmusiker mit Band), hat in Köln an der gleichen Stelle gespielt, wie schon im Sommer vor 1,5 Jahren. Und wenn man das Video so ansieht, dann könnte man meinen, kein Tag sei vergangen. Die Schildergasse ist noch die gleiche, die Musik, die Menschentraube. Die Lieder, zeitlos. „Es kann nicht jeder Tag sein wie ein Zirkusbesuch: Sensationen, Orchester, Magie. Wenn es heut nicht so ist, dafür aber manchmal, dann ist manchmal viel öfter als nie.“ Die melancholische Sehnsucht macht dann diese dummen Dinge und fängt an, immer mehr Sachen, Gerüche und Orte aus den Tiefen der Erinnerung hervorzukramen. Der muffige Geruch der Kölner U-Bahn, der Rhein, meine Straße, die Winkel und Ecken, die durch Erinnerungen die Millionenstadt zu meinem kleinen Universum gemacht haben. Wie ein Paralleluniversum existiert es jetzt weiter, verlassen und doch wartend, dass ich zurückkomme und wieder die Straßen entlanggehen werde. Einmal angefangen nachzudenken, hören die Erinnerungen nicht mehr auf. Schöne und schlechte, 3 Jahre, ein Leben. Viel ist nicht geblieben. Eine Ausbildung, eine handvoll Freunde, 100te Fotos, Momente, die danach rufen noch einmal durchlebt zu werden.

Die Sehnsucht ist aber ein schönes Gefühl. Das gleiche Gefühl, wie wenn man im Kino sitzt, und der Film so schön traurig ist, dass es fast schon weh tut; pures, reines Kino in Perfektion. Es gibt nicht viele Filme, die so etwas schaffen, doch findet man einen, dann muss man ihn bewahren. Genauso wie die Musik. So manches Lied spricht aus der Seele, findet Worte, die einem selbst fehlen, drückt die Welt aus, wie sie im innersten ist. Und manchmal denkt man, man sei alleine, hört Musik, und bleibt doch mit der Frage zurück, ob die vielen Menschen, die diese Lieder ebenfalls hören, genauso fühlen. Spenden sie den gleichen Trost? Wecken sie die gleiche Sehnsucht? Bei Felix Meyer bleiben wohl so viele stehen weil seine Musik besonders ist, sie scheint aus Seelen zu sprechen, berührt die Menschen und weckt sie aus ihrem Alltagstrott.

Die Sehnsucht zieht sich dann widerstrebend in ihre dunklen Ecken zurück, verdrängt von der Musik, dem peitschenden Wind, dem Blick auf die aufgewühlte Nordsee. Noch so ein Platz in meinem Leben, dessen Erinnerung eines Tages wohl von Sehnsucht erfüllt sein wird.

4 Wochen // 1 Jahr

die alte Frau und das Meer

4 Wochen waren es am Freitag, dass ich hier bin. Und am Dienstag ist es ein Jahr her, dass ich zum ersten Mal nach Schottland kam. Unentschlossen waren wir, wohin wir in den Urlaub fahren sollten, die Entscheidung fiel zwischen Prag und Edinburgh. Wären wir nach Prag gefahren, wo würde ich heute stehen? Vor einem Jahr hatte ich noch keine Ahnung, dass dieser simple Urlaub mein Leben einfach mal komplett umsortieren würde. Alles war noch anders: ein geregeltes Leben in Köln, ein Job, die Angst vor der Abschlussprüfung. Jetzt ist Köln für mich in weiter Ferne, die Ausbildung ebenso und ich sitze hier im Musselburgh. Einfach mal alles über Bord werfen und noch einmal komplett neu anzufangen ist nicht einfach, auch wenn ich immer gesagt habe, dass ich es mag Sachen neu entdecken zu können. Und jeder Tag hat hier etwas neues, etwas spannendes, etwas skurriles.

Sei es, dass ich Donnerstagmorgen beim Aldi stehe um mir das Fahrradzeug unter den Nagel zu reißen und auch gleich den Alkohol fürs Wochenende kaufen will (also das ist noch nicht skurril, das kommt erst noch). Freundlich werde ich von einer Schottin darauf hingewiesen, dass man hier Alkohol nur von 10 bis 10 kaufen kann – also nicht um 9.30 morgens. Schnell und verschämt die Flasche wieder ins Regal – kam mir ein bisschen wie ein Alki vor. Oder aber dass hier spitze Brieföffner nicht an unter 18-jährige verkauft werden. Oder dass man sich in den Seminaren nicht meldet sondern einfach gnadenlos reinplappert – wobei das echt nervig ist. Hab ich es schonmal geschrieben? Pubs machen hier um  1 Uhr zu, Clubs um 3 Uhr. Durchmachen wird einem dadurch ziemlich erschwert. Aber dafür gibt es gute Nachtbusse. (Auch wenn meiner mal wieder der einzige ist, der nie angeschrieben ist und auch eher flexible Abfahrtszeiten nach hinten raus hat).

Im Linksverkehr bin ich mittlerweile auch schon Fahrrad gefahren. Das ist spaßig – ich halte mich immer schön an den linken Bordstein, wie in einem Labyrinth. Vor allem die Kreisverkehre sind lustig so rebellisch zu durchfahren. An großen Kreuzungen springe ich immer brav auf den Bürgersteig, noch habe ich nicht so wirklich raus, welches Auto aus welcher Richtung wohin fährt und somit eine potentielle Bedrohung ist. Lustig wird es aber wahrscheinlich werden, zu Hause wieder Auto zu fahren. Knoten im Kopf olé! Der sprachliche Knoten wird auch immer schlimmer: mit manchen rede ich Hochdeutsch, dann skypen auf alemannisch und allgäuerisch. Und dazwischen noch Englisch – Hilfe! Aber immerhin schaffe ich es mittlerweile mich mit meinem irischen Mitbewohner zu unterhalten, ohne ihm ständig mit „häh’s“ ins Wort zu fallen. Das wird so langsam…

Ansonsten ist hier das Angebot an „kulturellem“ Stuff unerschöpflich. Sei es eine Gruseltour (zählt das zu Kultur? Immerhin zur Unterhaltung), die alleine durch den Erzähler und die Orte extremst gruselig wird: riesige Gewölbe wo wohl früher einige (200?) Menschen in Feuern (was bitteschön ist der Plural von Feuer?) gestorben sind und ein alter unheimlicher Friedhof. Am Freitag machten wir dann die Literary Pubtour mit. Ebenfalls sehr schön: eine Gruppe von 11 Personen wurde von zwei Schauspielern, die ihr Handwerk wirklich verstehen in verschieden Edinburgher Pubs geführt und dann haben sie immer wieder die literarische Geschichte Edinburgh’s oder aber wichtige Gedichte rezitiert. Dass man von den Gedichten fast nichts verstanden hat, weil sie halt auf schottisch waren, hat dem ganzen keinen Abbruch getan. (So wie wenn ein armer Hamburger ins Allgäu kommt, der ist auch erstmal völlig verloren) Schön anzuhören war es trotzdem. Ganz toll wurde der Abend dann auch noch dadurch, dass diese schottische 3-Mannband „The Spinning Blowfish“ nachts so gegen 22 Uhr auf dem Mound gespielt hat. Die Dudelsack – Schlagzeug – E-gitarren – Kombi ist einfach sensationell und der Dudelsack passt hier einfach her – leider mussten wir schnell weiter ins nächste Pub. Aber wie immer, ich bin ja noch 4 Jahre hier und habe keinen Stress. Wohoooo!!!

So langsam wird das alles auch normal, dass ich garnicht genau weiß, was ich erzählen soll…

und jetzt noch ein bisschen Kitsch….